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2024

Es geht die Angst um. Nämlich die Angst, dass Künstliche Intelligenz (KI) mit ihren rasanten Fortschritten nun auch die letzte Bastion menschlicher Einzigartigkeit erobert: die Kreativität – konkret die Musik.

KI-Musik: Eine neue Ära der Komposition?

Bis vor kurzem war es unvorstellbar, dass eine KI tatsächlich sinnvolle, anspruchsvolle und ästhetisch interessante Musik komponieren kann. Doch heute ist es soweit. Die jüngst entwickelten KI-Tools sind in der Lage, überraschend eigenständige, interessante und – ja, es fällt mir schwer zu sagen – sogar faszinierende Musikwerke zu produzieren ... und das alles nur auf Basis simpler Texteingaben!

Ist dies ein Triumph der Technologie und das Ende menschlicher Kunstfertigkeit?

Bedrohung der traditionellen Musikbranche

Die Musikbranche sieht sich tatsächlich einem beispiellosen Druck ausgesetzt. Besonders die sogenannte angewandte Musik – ein Bereich, in dem viele gut ausgebildete Musiker*innen bislang ihren Lebensunterhalt verdienen konnten – steht vor einer existenziellen Bedrohung. Filmmusik, TV, Werbung, Games, Dokus und Imagevideos: Die Macher dieser Musik werden sich ernsthafter Konkurrenz ausgesetzt sehen, denn die KI-generierte Musik hat in all diesen Bereichen unschlagbare Vorteile: Sie ist günstig, schnell, wandelbar, ohne großes Vorwissen verfügbar, frei von Lizenzgebühren und verursacht keinen Ärger mit Urheberrechten.

Ist die Sorge vieler Musiker und Musikerinnen also berechtigt?

Erklingen die Alarmsirenen in der Musikindustrie zurecht?

Investieren in musikalische Fähigkeiten

Meine Söhne, die musikalisch begabt sind, stellen sich die berechtigte Frage, ob es heute noch Sinn macht, die berühmten 10.000 Übestunden zu investieren, die man als Mensch nach wie vor braucht, um ein Meister auf einem Instrument wie der Gitarre oder dem Klavier zu werden. Wozu, wenn KI bald alles besser, schneller und günstiger kann ...

Freude am analogen Musizieren – ein nostalgisches Relikt?

Eine harte Frage: Ist das Erlernen eines Instruments heute noch zukunftsrelevant oder handelt es sich schon um eine sentimentale Verklärung einer untergehenden Kultur?

In der Hoffnung, dass zumindest ein Teil des Weges auch das Ziel sein möge, wird es wohl noch viele weitere Generationen geben, die daran einfach Freude und Erfüllung haben, mit ihrem eigenen analogen Instrument eigene Musik zu machen und sich in den damit verbundenen Fähigkeiten immer mehr zu steigern – sich also spürbar und hörbar zu entwickeln. Alleine aus diesem Grund macht es Sinn, ein Instrument zu erlernen, zu üben, zu musizieren.

Live-Musik: Ein kulturelles Erbe?

Zumindest für die gegenwärtige Generation spricht es von Kultur, Stil und Geschmack, wenn man für eine Jubiläumsfeier eine Jazzband engagiert, die dem Abend eine besondere Atmosphäre verleiht, die für stimmungsvolle Momente sorgt und auch für emotionale Highlights der Gruppendynamik. Ich denke, Live-Musik wird noch viele Jahre lang fester Bestandteil unserer Kultur sein.

Die ungewisse Zukunft der Musik

Dennoch gilt diese Einschätzung aus meiner Sicht nur für die nächsten ein bis zwei Generationen. Was danach kommt, lässt sich aus heutiger Sicht schwer sagen. Möglicherweise wird es dann en vogue sein, speziell trainierte AI-Musicians für eine beispiellose Vielfalt an stilistischen Möglichkeiten und musikalischer wie akustischer Bandbreiten zu engagieren: günstig, grenzenlos, zeitlos und multimedial vernetzt.

Dann werden menschliche Live-Musiker in Form von Bands oder Orchestern eher als Relikt aus der Vergangenheit und als historisches Zitat wahrgenommen werden. Ist dies das Ende der menschlichen Musiker*innen als kreative Köpfe oder nur ein weiterer Evolutionsschritt unserer kulturellen Ausdrucksformen?

Der »Star« im Mittelpunkt: Personal Branding

Für den Großteil der heute gehörten Musik gilt jedoch sowieso eine andere Regel: Im Mittelpunkt steht eigentlich nicht die Musik, sondern der »Star«. Die gesamte Popularmusik basiert auf dem Prinzip des Personal Brandings. Konzerne der Musikindustrie investieren große Summen in bestimmte, definierte Stars, mit deren Hilfe sie noch größere Summen an Gewinn zurückspielen müssen. Das ist ein beinhartes Geschäftsmodell und hat mit kreativem und künstlerischem Anspruch – nicht nichts, aber – wenig zu tun.

»Human Touch«: Wie lange noch relevant?

Für den Großteil der heute gehörten Musik braucht es also menschliche Individuen, die der Musik eigenständigen Charakter geben und Unverwechselbarkeit verleihen. Es braucht Stars, die vor oder hinter dieser Musik stehen, um als Interpreten und Urheber von ihren »Fans« wahrgenommen zu werden. Ob es diesen human touch in zwei, drei Generationen auch noch braucht, weiß ich nicht.

Digitale Stars

Natürlich kann es sein, dass es dann auch digitale Individuen sind, die als »Stars« inszeniert werden. Das wäre für die Investoren – also die Musikindustrie – vermutlich mit Vorteilen verbunden: frei programmierbar, individuell auf den User zuschneidbar, in den Fähigkeiten grenzenlos ...

Vielleicht werden also selbst im Bereich der Popmusik in wenigen Generationen die menschlichen Musiker*innen zur Minderheit gehören.

KI: Die Zukunft der angewandten Musik?

Für die angewandte Musik ist es jedenfalls schon heute Fakt, dass sie vor massiven Herausforderungen steht. Die jüngst entwickelten KI-Systeme imitieren vorproduzierte »Konservenmusik« geradezu mühelos und bieten unschlagbare Kosten- und Effizienzvorteile. Man sieht es bereits heute, dass sich Werbeagenturen, Filmstudios und Game-Entwickler um diese Technologien förmlich reißen.

Kritik: Musik »vom Band«

Aber ehrlich: War die angewandte Musik nicht schon immer von Massenproduktion geprägt, die mit intensiver technologischer Unterstützung entstand? Wurde sie nicht auch schon bisher »vom Band« produziert, um letztlich auch »vom Band« abgespielt zu werden? Wurden hier nicht auch schon bisher primär Klischees angesprochen und musikalische Abziehbilder mit intensiver technologischer Unterstützung in hochglanzpolierten Studios produziert, um in ihrer Wirkung auf Nummer sicher zu gehen?

Worin liegt hier also der große Unterschied zu KI-generierter Musik?

Musizieren als zeitlose Fähigkeit

»Musik machen« ist für uns Menschen eine Grundfähigkeit, die zu den schönsten und befriedigendsten Tätigkeiten unseres Daseins zählt. Das können alle bestätigen, die musizieren, egal ob alleine zuhause in ganz privaten Momenten oder zusammen mit anderen auf einer mehr oder weniger großen Bühne.

Die Frage: Kann Musik noch eine Profession sein?

Ob es in Zukunft genug Bedarf geben wird, um als musizierender Mensch von seinem liebsten Hobby in Form einer aktiven Profession leben zu können, kann ich aus heutiger Perspektive nicht sagen. Vieles spricht noch dafür. Vieles spricht – wenn man die Entwicklungen stringent weiterdenkt – aber auch dagegen.

Und so befinden wir uns in einer der spannendsten und gleichzeitig herausforderndsten Zeiten der Menschheitsgeschichte.

Eine Antwort: CO-CREATION

Eine Antwort – jedenfalls meine Antwort – und gleichzeitig großes Potential für junge Talente sehe ich in der kreativen Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI. Statt menschliche Künstlerinnen zu verdrängen, kann KI ja als Werkzeug eingesetzt werden, das kreative Prozesse erweitert und neue – zuvor tatsächlich unmögliche – Möglichkeiten eröffnet. Musikerinnen sollten KI proaktiv nutzen, um neue Klangwelten leichter zu erforschen, komplexe Kompositionen schneller zu realisieren und poetische Inspiration aus unerwarteten Quellen zu ziehen.

In dieser symbiotischen Beziehung definiere ich eine neue hybride Kunstform der Zukunft – wo der Mensch als kreativer Leiter agiert, der die KI als unterstützendes Werkzeug und als assistance nutzt – und damit die Welt und sich weiter entwickelt.

Ob das dafür nötige Know-how heute auf Universitäten gelernt werden kann oder ob man sich das als junger Mensch einfach selbst beibringen muss, das gilt es herauszufinden.

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