»Resonare« stammt vom Lateinischen ab und heißt widerhallen, widerklingen.
Lasst uns am Anfang eine Definition geben, von dem, worüber wir hier sprechen:
Der Begriff Resonanz kommt ursprünglich aus der Akustik, wo er von alters her das deutlich hörbare Mitschwingen bestimmter Saiten bei bestimmten Tönen bezeichnet.
Beispiel: Legt man 2 Gitarren nebeneinander und schlägt eine Saite an, klingt die daneben liegende Gitarre mit. Dasselbe Phänomen kennen wir von den Saiten des Klaviers …
Erst im 20.Jhdt. wurde die sog. Mechanische Resonanz relevant – es war die Zeit, wo man mit technischer Mathematik begonnen hat, die Sicherheit von Bauwerken, z.B. Brücken, zu verbessern. In diesem Zusammenhang kann ich euch das vielleicht berühmteste Resonanz-Beispiel aller Zeiten nicht vorenthalten: Die Tacoma Bridge.
In diesem kleinen Film sehen wir, wohin Resonanz führen kann:
KURZFILM
Also – Resonanz ist in Physik und Technik definiert als das verstärkte Mitschwingen eines Systems, wenn es einer bestimmten zeitlich veränderlichen Einwirkung unterliegt. Dabei kann das System um ein Vielfaches stärker ausschlagen als wenn es einer zeitlich konstanten Einwirkung unterliegt. Dies sieht man hier auf beeindruckende Weise!
So oder so ähnlich würde wohl ein Biologe seinen Vortrag über Resonanz beginnen …
WIR sprechen heute hier aber über Resonanz in der Kommunikation – über soziale Resonanz.
Und dazu ist vor einigen Jahren ein vielbeachtetes Buch erschienen.
Der in Jena und Erfurt lehrende Soziologe Hartmut Rosa stellt in seinem Buch Resonanz die Behauptung auf, nicht Ressourcen oder Glücksmomente seien für die Qualität des menschlichen Lebens entscheidend, sondern die Resonanzverhältnisse – der Zustand der Beziehung zur Welt.
Rosa postuliert Resonanz als den vielleicht sogar wesentlichsten sozialphilosophischen Grundbegriff unserer Zeit: Resonanz sei ein Beziehungsmodus, der gegenseitige Schwingungen erzeugt. Resonanz sei immer relational – aber nicht nur im äußeren Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, sondern auch im inneren zwischen seinem Körper und seiner Psyche.
Auch die soziale Resonanz leitet sich bewusst von der Akustik ab, wo ja zwei schwingungsfähige Körper miteinander in Beziehung treten (»resonare« = widerhallen oder zurücktönen). Soziale Resonanz scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein – und eine Grundfähigkeit. Wir können mit anderen Menschen resonant sein, mit Dingen, mit der Natur, der Kunst, der Religion.
Was ist eine soziale Resonanzerfahrung?
Während in der Physik Körper durch äußere Einwirkung in Schwingung versetzt werden, erleben Menschen durch bestimmte Resonanzerfahrungen, sprich Erlebnisse, eine Reaktion oder eine Veränderung im »Inneren«.
Was bedeutet Resonanzpflege?
Resonanz heißt Mitschwingen. Der Soziologe Rosa, der sich sehr für eine andere Schule einsetzt, nämlich für eine »Schule als Resonanzraum«, bringt das Beispiel einer pädagogischen Fachkraft, die sich auf die Gefühls- und Bewegungsebene des Kindes einlässt und versucht, ihre Bewegungen, ihre Atmung und ihre Stimme den Äußerungen des Kindes anzugleichen.
Überhaupt ist Rosa in diesem Buch gelungen, über viele Beispiele eine große Alltagsnähe zu erzeugen. Mich berührt die Geschichte von den beiden jungen, begabten Nachwuchsmalern, die beide an einem Kunstwettbewerb teilnehmen – aber letztlich völlig verschiedene Zugänge haben:
Der Eine besorgt sich das passende Material (eine stabile Staffelei, eine hochwertige Leinwand und eine reiche Auswahl an Farben und Pinseln) kümmert sich um die richtige Beleuchtung, bevor er seine Erinnerung an die klassische Kompositionslehre auffrischt … dann bemerkt er, dass ihm die Zeit davongelaufen ist … bevor er überhaupt den ersten Pinselstrich gesetzt hat.
Der Andere handelt unüberlegt, kramt in einem alten Zeichenblock seine letzten Kreidereste und Kohlestifte hervor und fängt sofort an zu malen … Nach und nach fügen sich die ersten Skizzen wie von selbst zu einem stimmigen Kunstwerk zusammen.
Der wesentliche Unterschied?
Der Erste arbeitet fokussiert auf Ressourcenbereitstellung. Er will sich optimal vorbereiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Bloß malen seine Ressourcen allein noch kein Bild. Schlimmer noch, sie hemmen letztlich seine Kreativität. Und hier kommt der springende Punkt: Wir alle ahnen bereits, dass der Andere – der Spontane – den Wettbewerb gewinnen wird.
Dennoch führen viele von uns ihr Leben wie der Erste. Wir streben emsig danach, unsere Ausgangslage zu optimieren – danach, mit Geld, Wissen und Beziehungen unsere Chancen zu verbessern. Wir sammeln die Ressourcen für ein gutes Leben. Leider sind wir so beschäftigt damit, dass uns das Gefühl abhandenkommt, was genau das bedeutet. Ein Haus und eine Familie. Gesundheit, Wohlstand und Besitz. Ich besitze, also bin ich.
Aber macht das glücklich?
Nein. Es schafft ja lediglich Voraussetzungen! Die Sinnsuche selbst ist damit nicht erledigt. Ob wir unser Leben als gelungen empfinden, hängt davon ab, wie sehr wir uns mit der Welt verbunden fühlen. Hartmut Rosa würde sagen: Ein erfüllendes Leben steht und fällt mit der Qualität unserer Weltbeziehung.
Stell Dir vor Du bist ein Musiker und die Menschen, die Dinge und die Ressourcen in deinem Leben sind deine Instrumente. Glück bedeutet nicht, die Instrumente anzuhäufen und stumm in der Ecke stehen zu lassen. Es bedeutet, sie zu spielen, sie zum Klingen zu bringen. Die Resonanz zwischen dir und der Welt gibt deinem Leben Musik – und das ist es, was Du als Musiker brauchst: Widerhall.
Neben all diesen Geschichten kann Hartmut Rosa seine Behauptungen selbstverständlich auch wissenschaftlich seriös absichern. So beschreibt er mögliche Resonanzbeziehungen in drei grundlegenden Achsen: Horizontale Resonanzen finden zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, so in Liebes- und Familienbeziehungen, sowie in Freundschaften. Diagonale Resonanzachsen sind Beziehungen zu Dingen und Tätigkeiten. Vertikale Resonanzachsen sind schließlich Beziehungen zu den großen Kollektiverfahrungen – die Natur, die Kunst, die Geschichte oder die Religion. In allen diesen Kontexten sind intensive Erfahrungen möglich, die das Leben als intensive Begegnung oder als Beziehung um seiner selbst willen erfahrbar machen.
In der großen Perspektive äußert sich Rosa aber letztlich stark gesellschaftskritisch. Er analysiert eine aktuelle Krise der Moderne, wo der Modus einer fortschreitenden Beschleunigung in seinem Ergebnis zu einem Verlust an Resonanzmöglichkeiten führt. Diese Krise sieht er durch drei wesentliche Ausprägungen definiert:
1) Die ökologische Krise und die Überschreitung unserer planetarischen Grenzen aufgrund der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen gegenüber einer gleichsam unlimitierten Steigerungs- bzw. Wachstumsrate
2) Die politische Krise aufgrund zu langsamer und zäher demokratischer Aushandlungsprozesse, die von beschleunigten technologischen Veränderungen als ineffektiv oder gar obsolet betrachtet werden
3) Die psychische Krise der Subjekte, die sich von der Beschleunigung überfordert und daher erschöpft sehen (Stichwort: burn-out)
Mit dieser gezielten Menschen- und Gesellschaftskritik stellt sich die Resonanztheorie von Rosa in die Tradition der Kritischen Theorie von Marx über Adorno, Benjamin und Fromm bis gin zu Habermas – da sie den zentralen Befund von »Entfremdung als Hindernis« eines gelingenden Lebens teilt.
So oder so ähnlich würde ein Soziologe oder ein Psychologe den Vortrag über Resonanz beginnen.
Nun. Ich bin weder Physiklehrer, noch Biologe, Soziologe oder Psychologe.
Ich bin Künstler.
Was kann ICH da aus meiner Kreativpraxis hinzufügen? Wie würde ich als Künstler einen Vortrag über Resonanz beginnen?
Mein erster Impuls war natürlich: MIT KUNST. Aber dann dachte ich mir, neee ... die Menschen haben einen echten Vortrag verdient. Darum wurde ich ja auch gebeten. Nicht eine Performance oder ähnliches.
Und dann öffnete sich da ein Zeitfenster – nämlich morgen Freitag um 10:45 wurde ich eingeladen, ein sog. INTERMEZZO zu gestalten. Da gibt’s dann Kunst. ResonanzKunst.
Heute aber spreche ich als ganzheitlicher Gestalter nun aus der Sicht eines radikalen Holistikers.
Und da ist mir ein Umstand aufgefallen: Während in der normalen Betrachtung der Welt die Resonanz als ein Mitschwingen zweier Systeme oder Körper definiert ist, tu ich mir damit in einer konsequent ganzheitlichen Betrachtung der Welt schwer.
Was kann mit Resonanz gemeint sein in einer Welt, wo alles verbunden ist und gar nicht nicht miteinander schwingen kann – da alles eins ist!
Dieser Frage muss ich nachgehen.
Zuerst lasst mich das holistische Weltbild darstellen. Anschließend wollen wir diese Weltperspektive auf die Bedeutung des Begriffs Resonanz hin befragen:
Im englischen Wort HOLISTIC schwingt klanglich das Wort »whole« mit (also das Ganze), aber natürlich auch »hole«, das Loch.
Das Loch ist nicht nur ein schönes Symbol für Holistik, sondern – und das darf ich schon mal verraten – auch für Resonanz: Ein Loch würde für sich – ohne sein jeweiliges Umfeld – nicht existieren. Erst durch die Beziehung zwischen Loch und Umraum, also dem Nicht-Loch, entsteht überhaupt das Loch als solches. Das ist holistisch.
Der Begriff Holistic bezieht sich auf ein ganzheitliches Weltverständnis und auf eine Art der Weltwahrnehmung, die geprägt sind vom Blick auf das Ganze und dem Gefühl der Verbundenheit – der Menschen, der Dinge, der Natur; der Gedanken und der Gefühle; der Atome und der Planeten, letztlich aller Weltperspektiven. Die beschriebene Qualität ist das Verbinden statt Trennen, oder konkreter formuliert: das Sich-Verbunden-Fühlen statt dem Sich-Getrennt-Fühlen.
Diese Idee ist nicht neu, sondern hat eine gleichsam ewige historische Dimension:
Sie existiert seit es Menschen gibt, die denken und fühlen und Konzepte über sich und die Welt machen. Insbesondere in Kulturkreisen ausserhalb Europas ist der holistische Ansatz nicht nur in der Theorie, sondern auch im Alltag seit Jahrtausenden fest verankert, wie beispielsweise in der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Aber auch wir in Europa haben einen solchen Strang, der sich schon in der griechischen Philosophie zeigt, wo Aristoteles in etwa so formulierte: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«.
Heute sind wir mit diesem Blick auf das Ganze und dem Sich-Verbunden-Fühlen aber entschieden in der Minderheit – basiert unsere moderne, industrialisierte Welt doch weitgehend auf einer Kultur des Trennens. Meist bewegen sich unsere alltäglichen Gedanken und Vorstellungen fern jeder ganzheitlichen, verbundenen Weltsicht. Wir sprechen gerne von Subjekten und Objekten, voneinander offensichtlich gegenüberliegenden Entitäten wie Ich und Welt ...
Woran liegt das eigentlich?
Unsere westliche Kultur hat sich über lange Zeit hinweg einfach in eine andere Richtung entwickelt: Mit »Ich denke, also bin ich« hat der französische Philosoph René Descartes im 17. Jahrhundert das rationalistische Weltbild auf eine griffige Formel gebracht. Seither prägt unsere Gesellschaft eine Wertepyramide der Vernunft mit materiellem Wachstum, Effizienzsteigerung und mit Logik an der Spitze.
Dabei kann man sich, angesichts zahlreicher Entwicklungen der vergangenen Jahre, heute durchaus Fragen stellen:
• ob die Dominanz unseres Verstandes noch zeitgemäß ist?
• ob unser rationales Denken mit der technologischen Komplexität der modernen Welt schlichtweg überfordert ist?
• ob die Naturwissenschafts- und Technologiegläubigkeit gepaart mit einem finanzökonomischen Tunnelblick tatsächlich die Antwort auf die Entwicklungsfähigkeit des Menschen ist?
In vielen Bereichen stoßen wir heute an die Grenzen unserer bisher eingeschlagenen Wege. Doch halten sich die alten Wertestrukturen hartnäckig an der Macht – betrachten wir bloß die Veränderungsresistenz unseres Finanzsystems trotz mehrerer Finanzkrisen globaler Dimension. Die Gründe für diese Art von Stabilität – man könnte es auch Trägheit nennen – liegen tiefer, fundamentaler.
Unsere sozialen und kulturellen Vorstellungen sind letztlich stark von autoritären Systemen geprägt – und autoritäre Systeme erhalten sich ihre Macht mehr durch eine Praxis des Trennens als des Verbindens:
• Sei es eine religiöse Autorität, wo es um die Kompetenztrennung zwischen Priestern und Gläubigen und auch zwischen Wahr und Falsch geht
• Sei es eine machtpolitische Autorität, wo es um das Trennen zwischen gesetzgebender Obrigkeit und gesetzempfangenden Untertanen, in weiterer Folge auch zwischen Gut und Böse geht
• Sei es eine gesellschaftliche Autorität, die auf die archaischen Prägungen im Stammesverband zurückgeht, wo es – damals wie heute – um das Trennen zwischen Bekannt und Fremd, Freund und Feind geht. Wer schon einmal mit Fremdenpolitik in direkte Berührung gekommen ist, der kann davon ein Lied singen ...
Aber wie können wir diesen offenbar trennenden, autoritären Dualismus überwinden?
Ganzheitlichkeit, ein holistische Weltperspektive, ist kein objektivierbares Heilsversprechen für die ganze Gesellschaft, sondern sie spricht den einzelnen Menschen in seiner individuellen Verantwortung sich und seiner Welt gegenüber an. Mit »Ich fühle, also bin ich« gelang dem portugiesischen Neurowissenschaftler António Damásio eine treffende Charakterisierung dieser neuen Bewegung – und dies in spielerischer Abwandlung der einst großen Worte Descartes ...
An 3 ganz basalen Beispielen möchte ich Euch zeigen, was »Ich fühle, also bin ich« für unsere Welt bedeuten könnte:
HOLISTIC im Wesensverständnis
Unsere fundamentale, westliche Weltvorstellung beruht auf der Trennung von Wesenseinheiten – den Menschen von anderen Menschen, von Tieren, der Natur, den Dingen etc. Dieses Trennungskonzept beginnt schon im Mutterleib, wo wir Mutter und Kind trotz einer gefühlten Einheit aber einer bestimmten Schwangerschaftswoche nicht mehr als eins betrachten ... sondern als 2 ... Und dieses Trennungskonzept endet beim Sterben, wo wir glauben, dass ein Wesen die anderen Wesen verlässt – sich vom Ganzen abtrennen kann. Wie würden wir diese beiden Szenarien aus einem radikal holistischen Weltbild heraus betrachten und was könnte dieser Perspektivenwechsel für unser Verständnis von Leben bedeuten?
HOLISTIC im Menschenbild
Ein weiteres grundlegendes Postulat der westlichen Zivilisation scheint die Unterscheidung und Trennung zwischen Körper und Geist (vielfach auch Seele) zu sein – geradezu so, als ob diese Teile unabhängig voneinander agieren könnten und getrennt anzusprechen seien. Insbesondere die hartnäckige Vorstellung vom menschlichen Geist als etwas Eigenständiges, das vom Körper getrennt betrachtet werden müsse, wird seit einiger Zeit – nicht zuletzt auch und gerade von Neurowissenschaftlern – in Frage gestellt. Im holistischen Weltblick sprechen wir von der Einheit des Menschen, einem unauflösbaren Zusammenhang zwischen körperlichen und geistigen Dimensionen, die sich ständig gegenseitig beeinflussen. Welche Auswirkung hat dieser Perspektivenwechsel auf unser Leben, auf unsere Vorstellung vom Lernen, vom ganzen Schul- und Bildungssystem, und nicht zuletzt auch auf unser Verständnis von Therapie und Medizin?
HOLISTIC im Gottesbild
Schließlich findet sich v.a. in westlichen Religionen ein weiterer fundamentaler Ansatz zur Trennung – nämlich die Trennung des Menschen von Gott. Das Bild von Gott als eigenes, vom Menschen losgelöstes, ihm gegenübergestelltes Wesen verunmöglicht die volle Durchdringung des Menschen mit dem Göttlichen. Das daraus entstehende Grunddefizit des Menschseins muss wohl im Interesse der Religionsgründer und/oder der Religionsverwalter gelegen sein und heute nach wie vor liegen. Trägt der im Westen verhältnismäßig junge Glaube an eine holistische Präsenz des Göttlichen in der Einheit aus Mensch und Gott vielleicht das Potential in sich, ein langes Zeitalter autoritärer Religionssysteme abzulösen?
HOLISTIC = Unkonventionelles Denken
Wie wir sehen, ist das holistische Weltbild in all unseren Lebensbereichen mit unvorhersehbarer Wirkkraft anwendbar; HOLISTIC ist unkonventionell und fundamental dynamisch – eine Weltpraxis, in der immer wieder neue Verbindungen aufgebaut werden, oft auch dort, wo bis dahin offensichtlich keine Möglichkeiten für Verbindungen da waren. Darin liegt die eigentliche gesellschaftliche Kraft dieses Phänomens.
Und beim Formulieren dieses Satzes hat es bei mir selbst »click« gemacht – und eine neue Verbindung konnte sich aufbauen:
Denn dieses Motiv des Verbindungen-schaffen-wo-bisher-keine-waren erinnert mich selbst frappierend an das Grundmotiv eines jeden Kreativ- und Innovationsprozesses: Liegt doch die eigentliche Leistung großer Denker und Erfinder nicht im Denken und Erfinden, sondern im Erschaffen eines fruchtbaren Nährbodens, auf dem sie neue, unkonventionelle, zuvor unmachbare Verknüpfungen und Synapsenverbindungen herstellen können – was sie dann in die Lage versetzt, neue Gedanken zu formulieren oder auch echte Innovationen erfinden zu können. Diese Querverbindung zwischen holistischem Weltbild und Kreativität macht mir als Künstler und Gestalter natürlich besonders große Freude!
Welche Auswirkungen haben diese Gedanken auf unser Weltbild?
Für unseren Weltenlauf bedeutet dieser holistische Perspektivenwechsel, jedenfalls den Fokus wegzunehmen vom problemzentrierten Kritisieren der Welt, wie sie ist, und dem damit verbundenen Einfordern einer Welt, wie sie nicht ist. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit hin zu einer Neubewertung des Gesamtsystems Welt, wo im ressourcenorientierten Schauen auf die unterschiedlichen Qualitäten des Lebens ein feingesponnenes Netzwerk aufeinander bezogener und einander bedingender Faktoren erkennbar wird.
Davon ableiten lässt sich eine neue Kultur für Zusammenhänge, Verwandschaften, aber auch Verantwortlichkeiten und Abhängigkeiten. Aus dem Blick auf das Ganze und aus dem Wissen um das unweigerliche Verbundensein entsteht letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene ein natürliches Gefühl für Toleranz und Empathie. Hier bedarf es keiner Gutmenschen mehr, die Gutes tun und somit besser sind als die Schlechtmenschen, die es nicht tun. Gut und Schlecht sind unterschiedliche Qualitäten desselben Ganzen. Es ist eine spürige Welt, voller Verbindungen, voller Verbundenheiten; eine Netzwelt; letztendlich ein Abbild der hochkomplexen Strukturen in unserem eigenen, inneren holistischen Kosmos – in unserem Gehirn.
So. Und Resonanz?
Braucht es die dann noch?
Was könnte damit gemeint sein in einem holistisch verbundenen Weltbild? Ich habe da lange gesucht, überlegt ... und herumformuliert. Und ich habe da ein Angebot entwickelt:
Resonanz ist die Fähigkeit, momentan mehr Verbindungen als Trennungen wahrnehmen zu können.
Resonanz ist die Fähigkeit, momentan mehr Verbindungen als Trennungen wahrnehmen zu können.
Es ist also eine Frage der Wahrnehmung.
Und wenn die Wahrnehmung bereit und die Fähigkeit des Verbindens ausgeprägt ist, dann erzeugt dies das besondere Gefühl »mitzuschwingen«. Dann bleibt für mich als Gestalter nur noch die Frage:
Können wir Resonanz, also das Gefühl mitzuschwingen, erzeugen? konstruieren? inszenieren?
Oder wird es uns geschenkt?
Als Künstler sage ich: Beides. Es wurde mir die Fähigkeit geschenkt, das Gefühl der Resonanz ermöglichen zu können. Dass dies immer wieder gelingt, ist vielleicht der wichtigste Beweggrund dafür, dass ich Künstler geworden bin.
Gestaltung als sinnliche Berührung des resonierenden Menschen.
In unserer medial dominierten Welt, in der die Verortung – das Spüren im Hier und Jetzt – zu den raren Momenten zählt, können wir mit Resonanzerlebnissen vielleicht sogar die entscheidenden Antworten auf die bewegenden Themen unserer Zeit stimulieren.
Naja – jetzt bin ich doch bei meiner KUNST gelandet ;)
Tatsächlich ist die Ästhetik meiner Raumkunst grundlegend geprägt von einem tiefen Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit und Resonanz. Dafür versuche ich in meiner Kunst, ganz im holistischen Sinne, die tradierten Gegensätze der Menschheit zu verbinden. 3 Beispiele:
• WEITE UND NÄHE
Die Weite des Raumes, wie sie in meinen SinnesRäumen oft wahrgenommen wird, spiegelt die Sehnsucht nach Transformation, nach immaterieller Auflösung des körperhaften Raum-Zeit-Kontinuums. Die dafür notwendige sinnliche Nähe der multisinnlichen Stimulation entstammt dem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Berührung, Rührung und Geborgenheit. Ich lasse Menschen ganz in Kunst eintauchen, anstelle sie Kunstwerken bloß gegenüberzustellen.
• ARCHAISCH UND FUTURISTISCH
Futuristische Ästhetik, die auf moderner medialer Technologie basiert, verbinde ich mit einer ursprünglichen, ja archaischen Wirkung – nämlich so, dass Menschen inmitten unserer Hochleistungsgesellschaft heilsame, sinnliche Ur-Erfahrungen machen können. SinnesRäume sind zugleich archaisch und futuristisch.
• INNEN UND AUSSEN
Mit meiner Kunst will ich die Wahrnehmung schärfen – sowohl nach innen, als auch nach außen: Die gestärkte Verbindung zwischen dem immateriell gefühlten »Innen« des Menschen und dem materiell wahrgenommenen »Außen« der Welt ist ein Kernmotiv aller SinnesRäume. Mit dem gestalterischen Verschmelzen dieser entgegengesetzten Richtungen will ich die ganzheitliche Resonanz stärken: zwischen unseren gelernten Entitäten Mensch und Raum, Ich und Welt und zwischen Materiellem und Immateriellem. Oft geschieht dies »leise« ... an den Grenzen der menschlichen Existenz, wenn von vorgeburtlichen Wahrnehmungen berichtet wird oder von spirituellen Imaginationen aus der fernen Zukunft.
In dieser nunmehr 20-jährigen Arbeit mit SinnesRäumen habe ich eines gelernt:
RESONANZ FÜHRT ZU ALLHEIT
Allheit ist das Gefühl, wenn ich »Alles« bin.
In all meinen Gestaltungen lasse ich immaterielle Energie im materiellen Raum spürbar werden: Ich lasse Räume berühren. Und ich lasse Berührungen verräumlichen. So werden SinnesRäume einerseits raumlos und zeitlos wahrgenommen, andererseits voll Zeit und voll Raum – eben VollZeit und VollRaum.
In diesem ganzheitlichen Ansatz von VollZeit und VollRaum liegt mein eigenes, persönliches Geheimnis der sinnlichen Gestaltung.
FAZIT
In einer Zeit, die ihren Fokus gerne auf die Defizite richtet – auf das was fehlt – verstehe ich meine SinnesRäume als Verkünder einer Heilsbotschaft an das wahrnehmende, resonierende Individuum: »Du bist Alles. Vollständig. Ganz. Du bist heil. Nichts kann fehlen. Alles ist da.«
Und kann ... schwingen