Aus der Krise in den Flow

Was können wir aus der Krise lernen?
2021

Wenn die Dinge auseinanderfallen, versuchen wir, alles zusammen-zuhalten. Wir wollen so schnell wie möglich zum festen Grund unseres Selbstverständnisses zurückkehren. Meist gelingt es uns nicht, das Auseinanderfallen zuzulassen. Es schmerzt uns, dieser Dynamik, ja, dieser organischen Bewegung Raum zu geben.

Wenn ich meiner einjährigen Tochter zuschaue, so erkenne ich, dass wir vom Ursprung her mit der nötigen Gelassenheit ausgestattet sind: Fällt ein Turm aus Bauklötzen auseinander, so bleibt ihre Aufmerksamkeit beim Auseinanderfallen. Sie ist weder gefangen im Verharren oder gar im Retten einer alten Situation, noch ist sie gefangen im Vorbereiten oder Planen einer neuen, scheinbar zukünftigen Situation.

Wenn die Dinge auseinanderfallen, können wir diese Dynamik als Chance nutzen, um offen und neugierig zu sein. Wir können darauf achten, was passiert, anstatt uns darum zu bemühen, das Bild und das Konzept von uns selbst wiederherzustellen. Gelingt uns das, dann können wir um uns herum Chancen sehen, vielleicht sogar viele Chancen. Die eine oder andere davon zu ergreifen, sie zu erproben, sie zu entwickeln – das bringt uns aus der Krise in den Flow.

Das einzig Beständige im Leben ist Veränderung

(Heraklit, griechischer Philosoph, 520 v.Chr.)

Was können wir aus der Krise lernen?

Im Chinesischen teilen sich die Begriffe »Krise« und »Chance« ein zentrales Schriftzeichen: Krise wird mit weiji 危机 übersetzt, Chance mit jihui 机会. Beiden gemeinsam ist das Zeichen ji 机, das Gelegenheit bedeutet. Überspitzt könnte man also sagen, dass die Krise 危机 eine Gelegenheit 机 für Chancen 机会 ist.

Einige solche Chancen möchte ich hier in diesem Text aufzeigen. Ich gehe neun Schlüsselwörtern nach. Das sind Worte, die sich für mich in dieser Zeit besonders intensiv zeigen – Worte, die der Schlüssel sind – Worte, die Resonanz erzeugen:

1. Spiegel

Die Corona-Krise hält einen Spiegel bereit, der Deine Beziehung zu Dir selbst, zu den anderen Menschen, zur ganzen Erde und zu den größeren Systemen, in denen Du lebst, widerspiegeln kann. Wie es Dir jetzt geht, wovor es Dich ängstigt und was Dich anzieht, ja, wohin es Dich jetzt zieht – das alles hat mir Dir zu tun. Und diese Zeit spiegelt Dir Dein Inneres auf sensible Weise nach außen.

2. Wahrheit

Viele Fakten und Aspekte der Corona-Krise scheinen sich zu widersprechen. Sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Virologie als auch die Beurteilung verschiedener Vorgangsweisen im Kampf gegen Corona scheinen nicht kohärent zu sein. Die Einladung der Corona-Krise besteht nun darin, nicht immer zu versuchen, diese Gegensätze aufzulösen, ja, nicht einmal nach Kohärenz zu suchen. Unabhängig davon, welche der widersprüchlichen Erzählungen rund um Corona Du glaubst, besteht jetzt die Chance, Deinen Horizont zu erweitern, um viele Facetten von »Wahrheit« zu erfassen.

3. Miteinander

Dass wir uns jetzt alle mehr verbunden fühlen, das haben wir in den vergangenen Monaten oft gehört. Deutlich wie kaum zuvor, konnte jeder von uns – zumindest intellektuell – erkennen, wie das Schicksal anderer Menschen mit unserem eigenen verwoben ist. Die gesamte Schöpfung ist ein Netz eng miteinander verbundener Beziehungen. Resonanz ist der richtige Begriff für dieses gemeinsame Schwingen. Radikal weitergedacht zeigt uns diese Krise aber nicht nur, dass wir miteinander verbundene Teile sind, sondern dass wir gemeinsam eins sind. Darin besteht ein Unterschied: Verbunden sein oder eins sein. Weißt Du, dass jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung, dass Dein Zustand in diesem Moment das Ganze ausmacht?

4. Veränderung

Viele Menschen erleben in diesen Tagen, wo sich ihr Alltag unfreiwillig verändert, große Verunsicherung, Angst und auch Einsamkeit. Wohin mit all diesen – unangenehmen – Gefühlen? Menschen, die in ihrer Stärke sind, so wie Du es vielleicht gerade bist, bekommen von dieser Krise eine neue Aufgabe: »Teile das was Du hast. Dann vermehrt es sich.« Bewusste Akte der Freundlichkeit, das Geschenk des Zuhörens, eigene Erkenntnisse teilen und auch Methoden zur Entspannung vermitteln – das alles können neue Aufgaben sein, die Dich selbst und andere jetzt weiterbringen. Wie Gandhi sagt: Sei Du die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst.

5. Bedeutung

Die Krise lässt uns sehen, was uns wirklich wichtig ist. Wenn Du in deinem Bewegungsradius eingeschränkt bist, hast Du die Möglichkeit, Deine Lebensentscheidungen, Reisegewohnheiten, Deine Unterhaltung und Deinen Konsum zu überprüfen. Dies betrifft auch die Art und Weise, wie Du Deine Zeit verbringst, die Menschen, mit denen Du in Beziehung stehst, die Stunden, die Du in sozialen Medien verbringst, den Job den Du machst, um Deinen sogenannten Lebensunterhalt zu verdienen. Die Krise schenkt Dir die Chance, neue Bedeutungen zu sehen. Sie fragt Dich: Was dient Dir wirklich? Was dient dem Ganzen? Wie möchtest Du die kostbaren Jahre, die Du in diesem Körper hast, verbringen? Was ist wirklich wichtig?

6. Kreativität

Von den Balkonchören Italiens bis zu den unzähligen Webinaren, Online-Kursen und Zoom-Meetings, die überall auftauchen – die Kreativität blüht weltweit auf. Man könnte sagen: Der Mensch weiß sich zu helfen. Alternative Wege sind jetzt gefragt, um ungekannte Probleme zu lösen. Genau dafür ist der Mensch eigentlich geschaffen. Die Gabe der Kreativität verleiht uns Flügel! Unzählige Menschen fühlen sich plötzlich motiviert, Dinge zu lernen, die sie noch nie zuvor versucht haben. Sie möchten teilen, was sie wissen, weil sie der Meinung sind, dass dies anderen zugutekommen kann. Ironischerweise scheint Isolation zu einer tieferen Form von Solidarität und Gemeinschaft zu führen. Wo spürst Du Deinen kreativen Impuls?

7. Dankbarkeit

Schon jetzt erleben viele Menschen Dankbarkeit für Dinge, die wir bisher für selbstverständlich gehalten haben: einen gemütlichen Spaziergang in der Abendsonne, einen geliebten Freund innig umarmen oder einfach unbekümmert ein Eis schlecken inmitten vieler lebendiger Menschen. Der Corona-Entzug lehrt uns, Alltäglichkeiten neu zu bewerten. Kann Dich Corona lehren, ein dankbares Leben zu führen? Was spricht dafür – und was spricht in Dir dagegen? »Es sind nicht die Glücklichen, die dankbar sind, sondern die Dankbaren, die glücklich sind.«

8. Vision

Corona kann jedenfalls eine Kreuzung auf der menschlichen Zivilisation sein. Die Krise deckt einige unserer dysfunktionalen Systeme auf. Tatsächlich darf man sich fragen, ob das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, resilient genug ist, wenn es schon nach wenigen Wochen unvorhersehbarer Veränderungen derart drastisch einknickt. Ich sehe zwei Sichtweisen, die zutage treten: Da ist einerseits das vor allem politisch vorherrschende Paradigma der Kontrolle, des Krieges (»Kampf gegen das Virus«), der Herrschaft, der Macht und der Überwachung. Und da sind andererseits die pluralistischen Eigenschaften von Verbundenheit, Mitgefühl, Fürsorge und Liebe. Beide Wege liegen vor Dir – wohin zieht es Dich? Was ist Deine Vision unserer Zukunft?

9. Gut und Schlecht

Corona zeigt uns, dass vieles was wir davor hatten, gut ist – bloß konnten wir es nicht mehr wertschätzen. Corona zeigt aber auch, dass Veränderung möglich ist: Wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist, wird eine schnelle Veränderung möglich, die bisher unvorstellbar war. Das ist faszinierend! Noch vor wenigen Monaten hätte niemand geglaubt, dass wir Menschen von einem Tag auf den anderen den gesamten weltweiten Flugverkehr dauerhaft zum Stillstand bringen könnten. Oder?

FAZIT

Mit Corona (lateinisch Kranz oder Krone) bezeichneten wir bislang den faszinierenden Strahlenkranz der Sonne, der für uns Menschen nur bei totaler Sonnenfinsternis sichtbar wird. Vielleicht ein Symbolbild? Vieles können wir Menschen erst sehen und erkennen, wenn es nicht da ist, wenn es verdeckt ist, ja, wenn es abwesend ist.

Ich sehe die Möglichkeit für eine größere Vision von uns selbst.

Ich sehe die Möglichkeit, eine sensiblere Menschheitsgeschichte zu schreiben.

Ich sehe die Kraft der Veränderung.

Dafür beginnen wir zu verstehen, dass »das System« nicht irgendwo da draußen ist, sondern dass wir selbst das System sind. Ohne Zweifel kann dann die Corona-Krise ein weiji-Moment für unsere Welt sein:

Eine Krise als Gelegenheit für Chancen.