Ein führender Wissenschaftler auf diesem Gebiet hat mir vor kurzem gestanden:
Auch wir Forscher an den Universitäten können nicht mehr sagen, wie ChatGPT (mit vollem Namen übrigens: »Generative Pre-trained Transformer«) genau funktioniert, damit diese Ergebnisse in dieser sprachlichen Qualität geliefert werden. Das sind keine öffentlichen Forschungsprojekte mehr, sondern private Forschungsinitiativen, die aber massive Wirkung und Einfluss auf die Öffentlichkeit haben werden. Namhafte Geldgeber hinter ChatGPT sind Leute wie Elon Musk und Unternehmen wie Microsoft. Das muss man wissen.
Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung jedenfalls entscheidend beschleunigt: Einerseits, weil das digitale System die Überwachung von Gesunden/Kranken, Getesteten/Ungetesteten, Geimpften/Ungeimpften überhaupt erst ermöglicht hat. Zum anderen, weil die digitale Vernetzung die überlebensnotwendige Kommunikation zwischen Menschen (im Beruf und im Alltag) aufrechterhalten konnte – auch wenn sich die Kommunikation in den Online-Raum, in das digitale Universum, verlagert hat.
BETRIEBSSYSTEM FÜR UNSERE WELT
Wir sind mitten in der digitalen Transformation. Direkt vor unseren Augen haben wir der digitalen Weltveränderung zugesehen vom klassischen PC hin zum globalen Betriebssystem. Entscheidend war die Massenverbreitung über mobile Devices, das Smartphone hat neue Möglichkeiten der Dauervernetzung eröffnet. Das hat eine weitere industrielle Revolution ausgelöst: Heute soll oder will alles digitalisiert sein. Das globale digitale Betriebssystem vernetzt Arbeit, Freizeit, Privates, ja Intimes.
Die digitale Sphäre prägt mittlerweile das Handeln auf technologischer, wirtschaftlicher, militärischer und sogar politischer Ebene. Damit verbunden plagt uns das Digitale mit ernsthaften Bedenken: Angst vor Monopolisierung, Extremismus, Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Fremdsteuerung durch automatisierte Entscheidungen ... Diese Themen sind grundsätzlich nicht neu. Sie spiegeln Ängste unserer Gesellschaft wider. Aber durch die ungemeine Wirkkraft des ungeregelten "digitalen Echoraums" werden diese Themen offensichtlich vielfach verstärkt.
DAS DIGITALE UND DAS MENSCHLICHE
Neben großen Herausforderungen bringen IT & KI aber auch wertvolle kulturelle Errungenschaften mit sich – neue Formen, Kanäle und Wege der Wahrnehmung und Erkenntnis für uns Menschen. Das Digitale schafft innovative Wege des Zusammenkommens und letztlich vermutlich auch eine neue Art von Wirtschaft und Politik. Brücken zwischen dem Virtuellen und dem Realen unterstreichen letztlich die einzigartige Fähigkeit der menschlichen Vorstellungskraft.
Nicht zuletzt versorgt uns das sich immer weiterentwickelnde Digitale aber nicht nur mit Wissen, sondern es verspricht uns auch neue sinnlich-ästhetische und sogar komplexe somatische Erfahrungen. Mithilfe des Digitalen kann der analoge Mensch neu gedacht und neu erfahren werden – möglicherweise auch über seine bisherigen Sinnesfähigkeiten hinaus. Hier kann die kreative und künstlerische Kraft des Menschen neu ansetzen.
SCHEIDEWEG FÜR UNSERE ZUKUNFT
Es ist ein ewiges Hin und Her zwischen all den neuen Möglichkeiten, die uns KI & Co eröffnen, und den damit verbundenen Ängsten und konkreten Auswirkungen auf die damit einhergehenden radikalen Veränderungen am Arbeitsmarkt. Das Hin und Her ist so stark und so divergent, dass es die Gesellschaft beinahe zerreißt. Dies brachte schon Tim Berners-Lee (der ursprüngliche Gründer des World Wide Web) in seinem viel beachteten Artikel »The system is failing« (The Guardian 2017) zum Ausdruck.
In jedem Fall stehen wir an einem Scheideweg für unsere Zukunft und die Frage ist, welche Richtung wir einschlagen sollen? Sind wir Entdecker genug, um das »nächste Zeitalter« mit allem Wenn und Aber zu explorieren? Oder wollen und sollen wir uns dagegenstemmen? Wieviel Freiraum kann man all diesen Entwicklungen geben? Und wem gibt man diesen Freiraum eigentlich? Einigen wenigen Superreichen, die sich die nötigen Entwicklungsschritte leisten können?
Wie können wir es fördern, dass tatsächlich der Mensch im Sinne der Menschheit an die erste Stelle dieser Entwicklungen gesetzt wird und dadurch technologische mit sozialer und kultureller Innovation kombiniert wird?
DIGITALER HUMANISMUS?
Der Ruf nach einem »digitalen Humanismus« wurde in letzter Zeit immer lauter. Der Ruf nach Regeln. Dieser »Generative Pre-trained Transformer« namens ChatGPT hat in den letzten Monaten massive mediale Aufmerksamkeit bekommen – und damit einen wahren KI-Hype ausgelöst, der nun in der breiten Masse der Gesellschaft angekommen ist. Aber auch andere KI-Systeme wie »Stable Diffusion« ermöglichen es jedem Menschen, durch simple Texteingaben hochqualitative Bilder zu kreieren, die früher nur ausgebildete Künstler, Grafiker oder Designer hätten erstellen können. Die Niederschwelligkeit und die globale Verbreitung über mobile Systeme wie Smartphones macht die KIs der neuen Generation sehr wirksam. Damit schaffen sie ein neues Bewusstsein in weiten Teilen der Gesellschaft.
WIE REAGIEREN WIR KÜNSTLER DARAUF?
[Mehr dazu im TEIL #2]
© SHA. 2023