Die persönliche Vorgeschichte
Als Kind wollte ich Architekt werden – Raumkünstler. Dann ertönte Musik und zog mich in ihren Bann – so wurde ich Zeitkünstler. Jahre später konnte ich die Grenzen aufweichen und beides verbinden: Klänge erschufen Räume! Über die Jahre gelang es mir immer besser, diese KlangRäume mit allen weiteren Wahrnehmungskanälen zu verbinden. Es entstanden multisensorische SinnesRäume für ganzheitliche Erlebnisse. Ziel war und ist die Ausweitung der Wahrnehmungsfähigkeiten des Menschen.
Eine neue Beziehung zwischen realer und virtueller Welt
Heute steht die Wortschöpfung »Mediatektur« für die synergetische Verbindung von Medienkunst mit Architektur. Sie gestaltet eine neuartige Beziehung zwischen realer und virtueller Welt, indem sie die lebendigen und dynamischen Eigenschaften der Medienkunst mit der Beständigkeit von Architektur konfrontiert. Damit erweitert Mediatektur die Architektur zu einer wandlungsfähigen Raumkunst.
Die Verschmelzung von Architektur und Medienkunst – und damit die Synergie aus real gebauter Welt und virtuell projizierter Welt – erzeugt eine neue Kunstform im sogenannten »virturealen« Raum:
Für die Architektur bedeutet dies eine Transformation von einem festen, statischen, fast ewigen Charakter hin zu einer dynamischen, fließenden Kunstform – vergleichbar mit Musik.
Für die Medienkunst bedeutet dies eine Veränderung ihres Wirkradius: Indem sie ihren geschützten digitalen Online-Raum verlässt und aus dem gleichermaßen sauberen wie neutralen White Cube im Museum herausgeht und in den oft rauen, banalen und funktionalen Alltag vordringt wird sie zu einem Teil des täglichen Lebens (und somit gleichsam zur Alltagskunst).
Kunst mit soziologischer Dramaturgie
»Alltagsfähigkeit« fordert von medialen Inhalten aber eine zusätzliche soziologische Dimension: Neben ihrer künstlerischen Inspirationskraft sollten diese Inhalte nun auch einen tragfähigen Rahmen für den Alltag der Menschen bieten – eine Rolle, die traditionell der Architektur zukam.
Dafür müssen die medialen Inhalte auf den analogen Ort eingehen – sich von ihm »speisen« lassen, indem sie sich von dem Raum, von der Zeit, von der Umgebung, von der Atmosphäre, von den Eigenheiten der Situation und insbesondere von den Menschen, die diesen Alltagsraum beleben, inspirieren lassen. Denn im Gegensatz zum ästhetisch neutralen White Cube im Museum sind beispielsweise die physischen Merkmale einer Jahrhunderte alten historischen Fassade nicht retuschierbar. Es bleibt bloß mit dem zu arbeiten, was da ist: In der Mediatektur wird das Vorhandene/das Gefundene zur Ressource – das »objet trouvé« wird zum integralen Bestandteil des künstlerischen Ausdrucks.
Die Wechselwirkung mit dem Alltag ist ein entscheidendes Merkmal der Mediatektur. Sie unterstreicht, dass Mediatektur nicht nur als »Overlay« fungiert, sondern tief mit dem physischen und sozialen Kontext verwoben ist: Mediatektur schafft Alltagssituationen, die Menschen in unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi, Menschen in verschiedenen Tempi und Menschen in unterschiedlichen Raumdimensionen auf neue, überraschende Weise verbinden können.
Neue Herausforderungen für Architektur und Kunst
Diese jeweils neuen Aufgaben für Architektur und Medienkunst erzeugen etwas Drittes im »virturealen« Raum, etwas Neues, das wir heute noch nicht genau definieren können:
Ein gesellschaftliches Wahrnehmungsexperiment
Wie verändert sich unsere analoge Raumerfahrung, nachdem digitale Welten unseren Alltag weitgehend kolonisiert haben?
Wie haben KI, Medientechnologien und Medienwahrnehmung unsere menschlichen Konzepte von Raum und Architektur bereits verändert?
Wie wird die Architektur auf diese sich verändernden Raumkonzepte reagieren?
Und wie wird sich die Medienkunst verändern, wenn sie im »virturealen« Raum stattfindet?
Zukunftsvision: Alternative Nutzungsmöglichkeiten!
In den kommenden Jahren wird sich das Verhältnis zwischen dem gebauten und dem medialen öffentlichen Raum grundlegend wandeln. Es wird sich zeigen, ob der traditionelle, analoge Sinnesraum dann immer mehr zu einem kommerziellen Medienraum wird, der mit bezahlten und erkauften Inhalten marktwirtschaftlichen Interessen folgt (so wie es das Internet geworden ist).
Oder wird es uns im analogen Alltagsraum gelingen – trotz oder gerade durch Mediatektur – auch neue, freie, alternative kulturelle Nutzungsformen zu ermöglichen, die für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft essentiell sind?
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