POSTKARTEN HABEN DIE WELT ZU MIR NACH HAUSE GEBRACHT
Im Rahmen unserer Recherchearbeiten für dieses Großprojekt hatten wir schon viel und tief gegraben – archäologisch, historisch, soziologisch und auch symbolisch tief gegraben. Damit hatten wir die großen Fragen beantwortet: Was sagt uns die Stadt, der Bezirk, das Grätzel, das Gebäude? Bloß die Frage, was uns diese 150 Jahre lange Nutzung als Post über dieses Areal sagen will, konnte nur unbefriedigend beantwortet werden. Es waren letztlich eher ironische, vielleicht sogar zynische Feststellungen, die dann in das Grundkonzept des Hauses Eingang finden sollten und im Rahmen einer Ausstellung auch der Öffentlichkeit präsentiert wurden.
Heute – bald fünf Jahre nach den ersten Recherchearbeiten – ist es mir aber erst wirklich klar geworden.
Dafür musste ich eben nicht nur außen tief graben, sondern auch in mir selbst als Künstler. Anfangs war ich überzeugt, dass mir der Begriff »Post« nichts bedeutet. Ich hatte keinen persönlichen Bezug gesehen zum Thema, schon gar nicht zu »Alte Post«. Es erschien mir sinnlos, nicht aktuell, ja ehrlich gesagt fast irrelevant in unserem digitalen Zeitalter.
Jetzt – immer näher zur Fertigstellung – hat sich plötzlich ein Tor geöffnet und ich weiß nun auch um die tiefe persönliche Bedeutung dieses Projekts:
DIE POST HAT MIR DIE WELT GEZEIGT
Als Kind bin ich in einem kleinen Dorf in der Steiermark aufgewachsen, mitten in der Natur. Reisen war nicht Teil meiner Kindheit. Doch jedes Mal, wenn der »Postler« eine Postkarte gebracht hat, ist für mich ein neues Universum aufgegangen. Die immer interessanten und faszinierenden Postkartenmotive haben mir die große Welt gezeigt, sie haben ein tiefes Gefühl der Sehnsucht in mir geprägt, hinauszugehen in die Welt, um sie zu entdecken. Und das ist es auch, was ich später als Erwachsener getan hab – im Privaten wie im Beruflichen.
Die Postkarten wurden bei uns zu Hause allesamt auf einer riesigen Holzwand gesammelt. Ja, bis heute gibt es diese Wand in der Steiermark, wo teils drei, vier, fünf Schichten an Postkarten mit Reißnägeln fixiert übereinander collagiert sind ... Als ich dann mit meinen eigenen Reisen begonnen habe, war ich sehr stolz, von jeder Reise selbst eine Postkarte nach Hause schicken zu können. So haben sich viele eigene und fremde Postkarten angesammelt ... in diesem Archiv der unbewussten Erinnerungen.
INSPIRATIONSQUELLE
Beim Sinnieren über diese Postkartenmotive ist mir jetzt noch ein weiterer Aspekt aufgefallen, der für mich als heranwachsender Mensch vor allem künstlerisch prägend wurde:
Die Post war nicht nur der Überbringer von Weltbildern. Die Postkarten waren auch synästhetische Inspirationsquellen. Beim genauen Studieren dieser Motive haben die Weltbilder begonnen – in mir – zu klingen, zu duften, sich zu bewegen ... Wie von selbst hat die Imaginationskraft alle Sinne aktiviert. Ich konnte das Wasser rauschen hören, die Möwen fliegen sehen und die Gischt auf meiner Haut spüren. So hat die Post nicht nur dazu beigetragen, dass ich die Welt für mich sehen und entdecken wollte, sondern dass ich die Welt auch proaktiv und kreativ gestalten sollte. Das wurde zum Urmotiv und zum Urantrieb meines weiteren Lebens.
Voll Demut will ich mich heute bei der »Post« entschuldigen – dass ich sie anfänglich in ihrer Bedeutung unterschätzt und viel Zeit gebraucht habe, den für mich tieferen Sinn zu erkennen.
KÜNSTL(ER)I(S)CHE INTELLIGENZ
Nun stehen wir kurz vor Fertigstellung eines außergewöhnlichen, großformatigen Medienkunstwerks in der »Alten Post«. Gerade noch rechtzeitig konnte ich die Augen öffnen und die Entwicklungsprozesse für den Content dieser Arbeit richtig eintakten. Heute sind wir in der Lage, mithilfe einer KI–Künstlichen Intelligenz hochaufgelöste räumliche Postkartenmotive in unendlichem Variantenreichtum zu kreieren, die letztlich alle auf einigen wenigen Grundmotiven beruhen, die mich als Kind in meinen Sehnsüchten und in meinen Begabungen geprägt haben.
Die KI, die uns in diesem Kunstwerk unterstützt, wird in ihrer Geburtsstunde radikal subjektiviert. Sie wird mit Bildern gefüttert, die aus meinen eigenen Erinnerungen stammen, aus sozusagen meinem Künstler-Bildarchiv. So bringen wir der KI einen »Charakter« und eine »Ästhetik« bei, nämlich, was ich als kreativer Mensch (als Urheber/Erfinder dieses neuen Kunstwerks) für ästhetisch halte und somit für kostbar. Das sind tatsächlich Fotos aus dem Archiv meines eigenen Lebens. Das sind aber auch Fotos, die ich nie gemacht habe, aber von denen ich träume – und die ich im digitalen Bilderjungle online suche. Und das sind auch ikonische Bilder, die sich aus Medien, Filmen, Webseiten und Social Media in mein Bewusstsein eingeschrieben haben.
Die immer neu generierten Postkartemotive schicken wir aus der digitalen Welt in die analoge Welt zurück, dort wo ihre Inspirationsquellen ursprünglich herstammen, indem wir sie räumlich 360° auf den historischen Dominikanerhof der Alten Post projizieren. Beim genauen Studieren der Motive werden die Weltbilder dann langsam beginnen ... zu klingen ... zu duften ... zu vibrieren ... sich zu bewegen ... und sich zu verändern ... Sie werden trans-formieren.
Synästhesie als Erlebnis.
Raum als Schnittstelle verschiedener Zeiten.
Ein »Wurmloch« für die Reise zwischen den Wirklichkeiten.
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